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Cannabis im Mittelalter

Heilpflanze, Rohstoff und verbotenes Kraut
17. Mai 2026 durch
Cannabis im Mittelalter
Tom Jaud
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Zwischen 500 und 1500 n. Chr. war Cannabis auf drei Kontinenten gleichzeitig präsent — als strategischer Rohstoff, als Heilmittel, als Sakrament und als Staatsfeind. Und dann ist da noch die Assassinen-Legende: eine mittelalterliche Sekte hochspezialisierter Auftragsmörder, deren Name direkt von „Haschisch" abstammen soll. Gute Geschichte. Leider weitgehend erfunden.

Marco Polo berichtete, ihr Anführer habe junge Männer mit einem Trank betäubt, sie in einem prächtigen Paradiesgarten erwachen lassen und ihnen erklärt, das sei ihr Vorgeschmack auf den Tod im Dienst. Der Begriff hashīshī wurde erstmals 1122 vom fatimidischen Kalifen al-Amir als Schimpfwort für die Nizari-Ismailiten verwendet, im Sinne von „Gesindel", nicht als Hinweis auf Drogenkonsum. Kreuzfahrer übernahmen das Wort und brachten es nach Europa. Marcos Polos Bericht stammt aus zweiter Hand, rund 150 Jahre nach dem Tod von Hasan-i Sabbah. Der Islamwissenschaftler Farhad Daftary (Institute of Ismaili Studies) und Bernard Lewis sind sich einig: Die fidā'ī handelten aus religiöser Überzeugung. Der Name klebte, der Rest ist Folklore.

Was im Mittelalter tatsächlich passiert ist, ist differenzierter — und mindestens genauso interessant.

Cannabis im mittelalterlichen Europa: Mönche, Marineschiffe und ein päpstlicher Mythos

Im mittelalterlichen Europa kannte man Cannabis fast ausschließlich als Nutzpflanze. Hanf lieferte Fasern für Seile, Segel und Textilien, und war strategisch so wichtig, dass Karl der Große um 795 per Dekret vorschrieb, dass jeder Gutsverwalter über seinen Hanfbestand Rechenschaft abzulegen habe. Venedig sicherte sich ein staatliches Hanfmonopol, um seine Kriegsflotte zu versorgen. Ohne Hanf keine Marine, ohne Marine kein Mittelmeerhandel.

Archäobotanische Pollenstudien belegen eine Anbau-Spitzenphase zwischen 800 und 1400 n. Chr. in weiten Teilen Europas. Am ungarischen Egerbakta-See zeigen Sedimentkerne ab ca. 1260 über 90 % Cannabis-Pollenanteil. Hanf war kein Nischenprodukt.

Medizinisch war Cannabis präsent, aber unauffällig. Hildegard von Bingen beschrieb in ihrer Physica (ca. 1151) Hanfsamen als leicht verdaulich, schleimreduzierend und nützlich bei Kopfschmerzen — ein Eintrag unter Hunderten anderer Heilpflanzen. Geraucht wurde nichts: Das Rauchen jeglicher Substanz war in Europa vor der Einführung von Tabak aus Amerika unbekannt. Wer Cannabis nutzte, aß Samen oder verwendete äußerliche Umschläge.

Den viel zitierten Cannabis-Bann von Papst Innozenz VIII. aus dem Jahr 1484 gibt es nicht. Die entsprechende Bulle richtet sich gegen Hexerei, Cannabis wird darin mit keinem Wort erwähnt. Die Geschichte kursiert seit Jahrzehnten in der Cannabis-Literatur und ist schlicht falsch.

Haschisch im Islam: Theologenstreit, Backzahnstrafen und tausend Jahre Debatte

Die arabisch-islamische Welt entwickelte ab dem 12. Jahrhundert eine eigene Haschischkultur, inklusive theologischer Debatten, die an Schärfe nichts zu wünschen übrig ließen.

Das Grundproblem: Der Koran verbietet Wein ausdrücklich, Cannabis aber nicht, weil psychoaktiver Cannabiskonsum erst nach dem Tod des Propheten aufkam. Für Juristen war das eine echte Herausforderung. Der hanbalitische Gelehrte Ibn Taymiyya (1263–1328) argumentierte, Haschisch schade Religion und Körper gleichermaßen und sei schlimmer als Wein. Der malikitische Jurist al-Qarāfī differenzierte feinsinnig: Haschisch verderbe den Verstand, sei aber nicht berauschend im koranischen Sinne — mit der praktischen Konsequenz, dass die Strafe für Weintrinken (80 Peitschenhiebe) nicht automatisch für Haschisch galt.

In der Praxis wechselten Verbote und Toleranz einander ab. Sultan Baybars ließ 1266 die Haschischgärten von Kafur in Kairo zerstören. 1378 ordnete ein Mamlucken-Offizier eine effizientere Maßnahme an: Wer beim Haschischbacken erwischt wurde, verlor die Backenzähne. Laut dem arabischen Historiker Ibn al-Maqrīzī erlitten viele dieses Schicksal. Trotzdem blieb der Konsum, in den Worten des Islamwissenschaftlers Franz Rosenthal, „erstaunlich weit verbreitet".

Sufi-Derwische erklärten ihn zum Akt der Anbetung, Dichter stritten öffentlich über die Vorzüge von Haschisch gegenüber Wein, und in Tausendundeiner Nacht halluziniert ein Fischer nach seinem täglichen Konsum, er sei Sultan, betritt ein Badehaus und entkleidet sich mit entsprechendem Skandal.

Geraucht wurde auch hier nicht. Haschisch wurde gegessen, als gebackene Paste, als Kugeln oder in Konfekt gemischt. Das Rauchen kam erst im 16. Jahrhundert auf.

Cannabis in Asien: Shivas Lieblingspflanze, chinesische Pharmakopöe und Höhlenputz aus Hanf

In Indien galt Cannabis als Gabe Shivas. Laut Überlieferung trank der Gott beim Quirlen des Milchozeans Gift, um die Welt zu retten, und wurde durch Bhang gekühlt. Die indische Tradition unterschied drei Qualitätsstufen: Bhang (Blätter-Paste, schwach), Ganja (Blüten) und Charas (Harz). Der erste unstrittige schriftliche Beleg in einem Sanskrit-Medizintext datiert auf das späte 11. Jahrhundert, Vangasenas Cikitsasarasangraha, das Bhang als Appetitanreger und Verdauungsmittel beschreibt.

Cannabis diente in Indien aber auch als Baumaterial. In den Ellora-Höhlen (6.–11. Jh.) enthielt der Wandputz bis zu 10 % Hanf, als Insektenrepellent und Feuchtigkeitsregulator, wie eine Studie in Current Science (2016) nachwies. Die nahe gelegenen Ajanta-Höhlen ohne Hanfanteil im Putz wiesen 25 % mehr Insektenschäden an den Wandmalereien auf.

In China war Cannabis (ma 麻) eines der fünf Grundnahrungsmittel und in der Tang-Dynastie (7. Jh.) fester Bestandteil der offiziellen Pharmakopöe Xinxiu Bencao. Hanfwurzel gegen Blutgerinnsel, Blattsaft gegen Bandwürmer, Samen als Laxativum. Ein Text aus der Song-Zeit (12. Jh.) beschreibt ein Anästhetikum aus Cannabis- und Daturablüten, eines der frühesten dokumentierten pflanzlichen Narkosemittel überhaupt. Psychoaktiver Gebrauch war geografisch auf die Randregionen der Seidenstraße begrenzt. Im Kernland dominierte die Faser.

Cannabis war im Mittelalter auf jedem Kontinent präsent — nur hat jede Kultur etwas völlig anderes damit gemacht. Europa baute Schiffe. Die islamische Welt führte Rechtsdebatten und verlor dabei Backenzähne. Indien schrieb Götterlegenden und verputzte Tempel. China schrieb Arzneibücher.

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