Fast 30 Millionen Jahre gibt's Cannabis schon auf diesem Planeten. Das ist echt lange. Die Menschheit ist erst vor etwa 300.000 Jahren aufgetaucht.
Das ist ein Faktor von 100. Ein Prozent. Wer hat hier also wen entdeckt?
Molekulare Analysen datieren die Aufspaltung der Gattung Cannabis von ihrer nächsten Verwandten – dem Hopfen (Humulus) auf 18 bis 28 Millionen Jahre. Der höchste Schätzwert von 27,8 Millionen Jahren stammt aus McPartlands cpDNA-Analyse (2018, Cannabis and Cannabinoid Research).
Der älteste Cannabis-kompatible Pollen, gefunden in der chinesischen Provinz Ningxia, ist 19,6 Millionen Jahre alt.
20 Millionen Jahre alter Hasch. Das ist ne Ansage.
Nach einer Auswertung von 155 fossilen Pollenstudien kamen McPartland, Hegman und Long 2019 zu einem eindeutigen Ergebnis: Das Ursprungszentrum der Gattung liegt auf dem nordöstlichen Tibetischen Plateau, nahe dem Qinghai-See.
Von dort aus war Cannabis erstaunlich träge unterwegs (...haha). Nach Europa gelangte die Pflanze nämlich erst vor etwa 6 Millionen Jahren. Indien – das in der popkulturellen Cannabis-Mythologie gern als Ursprungsort gehandelt wird – hatte seinen ersten Kontakt mit der Pflanze jedoch erst vor rund 33.000 Jahren.
Die erste Domestikation von Cannabis
Cannabis wurde erstmals in der Jungsteinzeit, vor etwa 12.000 Jahren in Ostasien domestiziert. Gleichzeitig mit Weizen und Gerste.
(Quelle: Sequenzierungen von 110 Cannabis-Genomen durch Ren et al. (Science Advances, eabg2286), 2021.)
Alle heutigen Sorten, ob Faserhanf oder hochpotente Strains, stammen von einem einzigen Genpool ab. Der wilde Vorfahre der Pflanze ist mit hoher Wahrscheinlichkeit ausgestorben. Was heute als „Wildhanf" durch Zentralasien streift, sind verwilderte Nachkommen domestizierter Linien.
Die genetische Trennung zwischen Faserhanf und "Drogentypen" erfolgte erst vor rund 4.000 Jahren – durch gegenläufige Selektion. Faserhanf verlor die Funktion des THCAS-Gens, Drogentypen das CBDAS-Gen. Dadurch entwickelten sich zwei grundlegend unterschiedliche Varianten mit gänzlich anderen Eigenschaften. Erstaunliche Pflanze.
Älteste Cannabis-Funde der Geschichte: Japan
Nicht aus China, nicht aus Indien. Die frühesten archäologischen Cannabis-Belege stammen aus der japanischen Jōmon-Kultur. Die Datierungen variieren je nach Fundstätte zwischen 10.000 und 3.000 v. Chr.
Gefunden wurden hier unter anderem Hanfsamen und -Seile, die klar auf eine Kultivierung hinweisen.
In China belegen Hanffaser-Abdrücke auf Keramik der Yangshao-Kultur (ca. 5.000–3.000 v. Chr.) eine etablierte Fasernutzung.
In Europa sind die frühesten gesicherten Funde der Gumelniţa-Varna-Kultur (ca. 4.500–3.500 v. Chr.) zuzuordnen.
Wie man sieht: Cannabis ist seit Jahrtausenden weit verbreitet auf unserem Planeten. Kulturübergreifend.
Erster Beleg für Psychoaktive Nutzung von Cannabis
„Cannabis wurde vor 5.000 Jahren im Shennong Bencao Jing erwähnt" – dieser Satz kursiert zwar überall ist so aber nicht korrekt. Der Text wird dem mythischen Kaiser Shennong (ca. 2800 v. Chr.) zugeschrieben, entstand aber tatsächlich während der Han-Dynastie, also im 1. bis 3. Jahrhundert n. Chr. Er beschreibt Cannabis als Pflanze der oberen Klasse. Außerdem hält er fest: "wer es mit den Blüten übertreibt, könne Dämonen sehen und wie ein Verrückter umherlaufen." Die psychoaktive Wirkung war also bekannt – und die Strains wohl auch schon stark.
Die ältesten unbestrittenen Schriftbelege sind assyrische Keilschrifttafeln aus dem 8. bis 7. Jahrhundert v. Chr., in denen „Qunnabu" als Räuchermittel und Heilpflanze beschrieben wird.
Herodot lieferte um 440 v. Chr. die berühmteste, antike Beschreibung: "Die Skythen warfen Hanfsamen auf glühende Steine, krochen unter Filzdecken und heulten vor Wonne." Was lange als ethnografische Kuriosität galt, wurde durch archäologische Funde in skythischen Kurganen vollständig bestätigt.
Der erste nachgewiesene Cannabiskonsum in der Geschichte
Ren Meng, Yang Yimin und Robert Spengler analysierten 2019 hölzerne Räuchergefäße aus acht Gräbern (500 v. Chr.) mittels Gaschromatographie-Massenspektrometrie. (hast du das Wort auch übersprungen?)
Das Ergebnis der Messung: Cannabinol (CBN), das Abbauprodukt von THC, war auf nahezu allen Innenflächen. Zusätzlich: Kein CBD! Das weist auf Blüten mit gezielt hohem THC-Gehalt hin. Verbrannt wurden diese bei Bestattungsritualen. 2500 Jahre in der Vergangenheit.
Noch etwas älter ist der Fund aus Tel Arad in der Negev-Wüste. Auf einem Kalkstein-Altar eines judahitischen Heiligtums aus dem 8. Jahrhundert v. Chr. wiesen Forscher THC, CBD und CBN nach. Vermischt mit Tierdung als Brennmaterial. Verbrannt bei einer Temperatur, die gezielt Cannabinoide freisetzt. Architektonisch ähnelt diese Fundstätte interessanterweise dem Ersten Tempel in Jerusalem.
Weder lokale Hanfsamen noch Pollen wurden gefunden. Das Cannabis kam als Harz von irgendwo anders.
Es gab also bereits im 8. Jahrhundert v. Chr. ein Handelsnetzwerk für psychoaktives Cannabis, das bis in den Nahen Osten reichte.
(Arie, Rosen und Namdar (2020, Tel Aviv, 47(1)))
Was das für Cannabis und die Menschheit bedeutet...
Die Pflanze, um die heute politische Debatten geführt werden, begleitet den Menschen seit der Steinzeit. Ihr erstes dokumentiertes Erscheinen in menschlichem Kontext ist fast immer rituell: Schamanen, Tempel, Bestattungen. Im Yanghai-Grab bei Turpan (ca. 700 v. Chr.) lagen laut Sekundärliteratur rund 789 Gramm Cannabis neben einem mutmaßlichen Schamanen. Die männlichen Pflanzenteile waren sorgfältig entfernt. Das ist kein Zufall, und kein Unwissen. Jemand wusste, was er tat.
Cannabis ist keine Entdeckung der Neuzeit, keine Erfindung der 1960er und kein Phänomen irgendeiner einzelnen Kultur.
Cannabis begleitet unseren Planeten schon fast 100 Mal länger als der Mensch. Und somit begleitet die Pflanze uns.
Quellen: McPartland et al. (2019), Vegetation History and Archaeobotany; Ren et al. (2021), Science Advances; Ren M. et al. (2019), Science Advances; Arie et al. (2020), Tel Aviv; Russo et al. (2008), Journal of Experimental Botany